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Bars

Es scheint nur einen Grund zu geben, eine Bar aufzusuchen und den besingen die Doors so: „Oh, tell me the way to the next whiskey bar, don´t ask me why, don´t ask me why?…..” Diese Begründung hat durchaus die Folgen, dass eine Bar als ein Ort des Unwirklichen beschrieben werden kann, der dieser Qualität wegen aufgesucht wird.


Die Bar ist der Ort, an dem man sich in die Unwirklichkeit, in einen Zwischenzustand begeben kann - in der man von den Höhen seines einsamen Denk-Programms oder der einfachen Erfüllung seiner Zwänge, in den Gesellschaftsraum einer öffentlichen Möglichkeitsform tritt - erleichternd und erfrischend soll das sein. So lautet meine - natürlich - schwärmerische Definition. Denn für die Nachkriegsgeneration und die Fünfziger bleibt diese Bar Wunschdenken. Sehnsuchtsort nach Verklärung, Unterhaltung, Lösung, ein Live Lebens Theater:
Ein Revival für die Idee Boheme, Dada, Hunger nach Wahnsinn, Cafe Odeon. Am Ende ab in die Illusionsbar, in der eintritt, was versprochen ist, also Konsumbar und damit das Ende der Künstlerbar.

Aber langsam, was hat die Künstlerbar, nehmen wir einmal an, daß sich dieses Soziotop so ergeben hat, real gemacht:, wie konnte sie zum Wohnzimmer werden für displaced people?
Dadurch, daß sie zu jeder Zeit garantierte, dass Hunger und Durst gestillt wurden.Und zwar durch die Möglichkeit anzuschreiben. So hatten die Starken, die Künstler, die Gestalter zu jeder Zeit Publikum. Die Bar, die Kneipe, die Künstlerbar wurde, bildete besonders in Lauflage einen Stamm heraus, ein Stamm der Gestaltlosen, der die Bar hielt und der zum Publikum taugte für die Helden dieser Geschichte, die Künstler, die Publikumsmagneten. Die Künstlerbar war ein Ort der kleinen Bühne, wo man täglich feststellen konnte, daß man ankommt:
Auftritt, Narziss, Rausch und Mythos, Boheme und Dada,
Natürlich gibts auch heute Orte, wo man das feststellt. Lief doch gerade dieser Hamburg Film an: SO WAS VON DA. Hamburg, Grünspan, Starclub, Palette , später Marktstube. Jetzt wieder neue Generation, neuer Verkaufsgedanke, alter Mythos. Ja, in diesen Wohnzimmern ließ sich morgens mittags abends nachts leben, sie trugen das subkulturelle Leben, d.h.: es ließ sich dort prächtig warten auf das Eintreffen des Subkulturellen Lebens.
Also hier ist vom Kleister der Bar die Rede, dass Menschen da ein Bier tranken und auf ein Ereignis warteten: Kleinkunst, Auftritt, Szene und wenn s das persönliche Erscheinen war.
Das ging, sagen wir, damit es eine runde Zahl wird, von 62 bis 93, also, das ist ja eine Aera! Eine Generation.
Und die Insassen d ieser Lebensform displaced people zu nennen, ist nicht unangebracht, - ja, correctness hin oder her-kann man den Begriff in einem Atemzug mit den boatpeopeln von heute nennen? -, denn das Gewicht, daß die Leute subkulturell und zu displaced people machte, war natürlich nicht von dieser Härte aber auch nicht von Pappe, aber es war so möglich, weil es die Nachkriegsgeneration war, ja, auch die in den 50igern geborenen:
Heimatlose, die vor Familien-Wohnzimmern und den faschistischen Nachbeben auf die Straße flohen: Exile on Mainstreet war angesagt: I am a Roadrunner hieß die Hymne: …..Verklärte Heimatlosigkeit. Die Kinder von Nazi-Geiseln verwandelten sich in nicht reifende Puppen usw.verharrten in oder durchstiessen die narzisstische Endlosschleife. Im Kokon der Kneipe.

Gesine Sachs, eine typische Asylsuchende im Roxy. Gesine hat es mir erzählt, die war glücklich im Roxy…die war glücklich im Passpartout. Inmitten der Schönen und Schillernden des Köln von 1969, in dem Ingo Kümmel vom Kunst-Kiosk in die Arena Kunstmarkt in der Kunsthalle sprang, ging Gesine auf als eine stille Patin der Subkultur, eine Kunstbetriebs-mamsell und Außenseiterin unter Menschen, die das Außenseitertum aufs Schild hoben und pflegten.. Gesine pilgerte zu Kunst- und Theaterereignissen, ging zu jeder Eröffnung, ging ins Konzert und danach pilgerte sie in die In-Kneipen der Szene , in denen etwa Theo Lambertin oder Manni Löhe oder Jürgen Klauke als Live-Performance-Helden brillierten. Gesine blieb bräutlich im Bermuda-Dreieck.

Sie kam ins Passpartout, 1974, Akka Wolfshohl, verliebte sich in die Schwulen Szene und radelte mit Paula und Carlota um die Wette. Dass Paul als Paula agierte, war ihr zunächst fremd, bald war sie in dieser Welt daheim. Und die Freunde aus der Szene , die sie behauste und förderte, waren zahlreich. Um 12 ging sie nach Hause, weil sie anderntags die Versuchsreihen an der Uni pflegte - Gebiet: Flavonole. Sie kam aus Waldshut.

Städter und Provinzler mischen sich in der Bar. Aliens und Hiesige, Stars und Tölpel usw. Die Künstlerbar oder Künstlerkneip besteht aus einem Teil wirklicher und zu einem andern Teil wirklich werdender Menschen, und zu einigen weiteren Teilen aus Geistern und Phantomen:
Einer, vielleicht war es Herman the German - sah sich durchgehend als Post-Beatnik, ein Geist Neal Cassadys, schlüpfte in die Rolle als dichtender Speed Junky mit Autofahrertick - entworfen in On the Road. Heldendarsteller im Mythos abgesoffen: ein der Poesie verpflichteter Schatten; als Neal Cassady war er übrigens nicht allein. Ein Bageritz wölkte ums Cafe Broadway, legte 50 Geräusche der Ehrenstrasse vor, war er früh wirklich? Ja, er wars, eine Windhose, die sich ums Broadway legte, ein Stil, den er verfeinert hat, die Dinge in der Oberfläche sicht- oder hörbar zu machen.

Rausch und Poesie wurden dringend benötigt, die Künstlerbar versprachs, der Ort, um mit Rimbaud, die politischen Gelbjacken und Europa hinter sich zu lassen, Baudelaire, hochzuhalten, und einen Anfang zu machen mit dem Verlassen des Kontinents, zumindest schon mal ab ins eigene Abseitige…….
Man dachte ja, die CDU oder SPD der ganze bürgerliche Betrieb würde sich einfürallemal erledigen, stattdessen Kosten und graben nach vermuteten Geheimnissen, die zunächstmal in Keruacs „Tristessa” standen, Initialzündung, Ginsbergs „Indisches Tagebuch” war voll davon, Burroughs „Yage letters” berichteten und natürlich das Kino, die Mythen des Kinos, führten vor:
surreal zu sein war die Bar der Ort, der Ort, wo wir Dr. Walter Serner träfen, um Händel mit ihm zu besprechen, Blaise Cendrars, Richard Huelsenbeck, um mit ihnen ein wenig zu zündeln in der Welt. An dieser Stelle empfehle ich den Rückblick von Christoph Y Schmidt, Jahrgang 1956 auf den letzten Huelsenbeck!

Einer leiht sich ein Auto für den Kühlschranktransport im Podium, fährt es in der Normandie zu Schrott, steckte es in den Dünen an, sagte sorry. Eine (Burkhard) musste mit, der war so stark, der schob im zweiten Gang an, lass die Kupplung los, im zweiten Gang ohne Kupplung.
Damals hielten die Täter sowas für ein besseres Gedicht als eins von Brinkmann. Dada und wir, unser Aufenthalt sollte sein: ein Live-Gedicht.
es gab eine Dauerbesetzung für Kneipeninventar , der einfach keine Zeit für reale Geistestaten blieb, die gingen von der Bar direkt in die Frühschicht im Stahlwerk und dachten sie machen eine Live-Aufführung eines Live-Gedichts, durchaus bewußt, daß der Held einer Kinogeschichte niedere Arbeiten braucht, um besser raus zu kommen.

Aber einer wie Theo Lambertin hat daraus gute Arbeiten gemacht: Im EWG entstand eine unvergessene Fotoarbeit von ihm selbst als in der Vitrine liegende Figur, als Inventar.
Ja, man konnte auf ein Mettbrötchen in der Vitrine deuten und das anschreiben lassen.

Auf jeden Fall gingen echte Helden rund und vor die Hunde auch und die Trittbrettfahrer, Anhimmler, Pilotfische an diesem Ort, sahen zu, dass sie auch zu Potte kamen, nämlich ins Rampenlicht, und wenn es Pool-Billard war, das immer ein paar Zuschauer hatte. in Bernd Schmitz Kurfürstenhof war das Rampenlicht mitunter besetzt von zwei wunderschönen Frauen, die nackt in Käfigen am Pool Billard standen. Miki und noch wer…!

Sowas musste sein in einer Künstlerbar: der Künstler, der hervortritt und agiert und wenn er singt oder spricht oder sich schlägt. Und solche, die zum Inventar gehören, Blue Shell hatte Inventar, Peppermint hatte das. Narzissmus ist schnell gesagt, darin sitzt eine Triebfeder Wunde Schmerz Sehnsucht drin wie in jedem einzigen Kneipendarsteller: Alain Delon, der eiskalte Engel aus der Piano Bar. Die Pierrot le Fous standen in der Kneipe und redeten in der Möglichkeitsform, was wäre, wenn das Kino endlich echt würde:

Der Dichter Brinkmann ist darauf eingegangen, auf das besoffene Geschwätz, was sein könnte. Er hat es auf seinen Gängen die Zülpicher Str. hoch durch die Kneipen vernommen, auf seinem Nachhauseweg in die Engelbertstr. Vernommen und Jahre vor unseren Auftritten beschrieben und auf Band gesprochen. Mir ist Fichte, Hubert lieber. Der und sein Jaecki. Im Grünspan. Mit Ian and the Zodiacs. Mit dem ganzen Körper sprechen, nicht die pfeifende Stimme aus dem Kopf, wie sie Arno Schmidt pflegte. Die amerikanische Off-Off Dichterlesung eben mit dem ganzen Körper, Howl. Das war ja schon mit Kölsch Rock. Aber Spex und Diederichsen sind hier groß geworden. Und Zeltinger rettete ein wenig Punk hier. Und aus den Jungen Wilden sind Professoren. Das muß man schon sagen.

Die Bar verspricht großes Theater, das fängt bei den Wirten an, die Klasse versprechen:
Die Wirte Clemens Böll im Chlodwig-Eck, Harry im Delirium, Horst Leichenich im EWG, Dieter im Podium, Wally Bockmeyer in der Filmdose, Bernd Schmitz im Kurfürstenhof usw.
und später und natürlich für immer Sing Ling Chin und Hanjo in der Chin´s Bar. Die alle waren einfach vielversprechend, Möglichkeitsspender ( Ihre Bars konnten Warteraum sein für die fantastischen Verschmelzungen, die sich ergeben würden etc, warten im elenden oder wunderbar aufgebrezelten Kneipeninterieur, man denke nur an das Gelb vom Podium und die edlen Säulchen beim Sing. (Cafe Odeon, Die Wand von Max Ernst bemalt, heute im Museum).Die Bar ist die Startbahn, Unruheherd, da muss was her, ran, Taten liegen in der Luft.

Dagegen andere roadrunner, natürlich auch den vollen Realitätswert abgerissen, durchgedreht, Zaungäste, Touristen in Köln, oder eben ununterscheidbar, weil im Glimmer, durchsichtig, Burroughsfiguren wie Philipp Marlowe im Glimmer auf seiner Spürroute durch die Bars, dem Bogart im Cafe Nick die Fragezuwispert: „ Nationalität „Trinker?” „Ja!Trinker in Auflösung!”, diesen Film Hammett hat Wenders super gemacht, wie den Amerikanischen Freund. Der für mich vor allem auch diese Ambiguität spiegelt, in der Bar-Freunde in der Bar nebeneinander an der Theke stehen: konkurrierend, einander niederziehend und stärkend.

Heute stiefele ich höchstens in eine Bar, um mir eine Zigarre abzuholen, z.B die Bar im Hotel Excelsior am Hauptbahnhof, sie glauben, sie fahren mit der Queen Elisabeth, wenn sie da sitzen sehe, sitzen und bleiben kann ich da nicht, da hocken Anwälte rum, so kuriose Kunstanwälte wie der dicke Louis, Artzinger-Bolten, der FC-Killer, eineHaifischbar ist das.

Mein Ende mit Bars fand im geliebten Chins statt. Ein Ort, wie es so heißt in Reiseführern, gäbe es denn einen, der noch zum Chins führte- wie es ihn nur in Frankreich geben kann. Aber Sing Ling, der streng auf seine Staatenlosigkeit hielt, hatte eine Kultur für Orte, die war einzigartig und so war sein Cafe, Bar und Restaurant im Ferkulum ein Ort, wo Du Dich morgens, mittags, nachts aufgehoben fühlen konntes, Assis, JeanLuc kochten, Hanjo strafte die Gäste, die Girls und Köche und war auch sonst ein umwerfender Un-Geist, der Dichter Rolf Persch machte die Tür, wenn der Bar-Betrieb brummte. Für mich war hier Schluß mit der Bar: eine Lesung mit Musik in Chin´s Bar war angesagt, die hatte ein Verein veranstaltet, das war wahrscheinlich schon der Tod, daß ein Verein hier antrat und ich war Mitglied in dem Verein und wollte also die Bar mit Vereinswesen mischen, das ging schief: das waren die Neunziger, das war der reine Absturz, die Verlegenheit, ein Bildungstheater, obwohl es Norbert Hummelt und Joker Nies waren, zwei Könner, die es ins Feuilleton gebracht haben mittlerweile, die lesend und musizierend (Saxophon) auftraten, die wurden ausgelacht, weg gedrängt vom Tresen, ausgebuht, hämisch persifliert.

Damit war die Idee vom coolen Auftritt im Künstlerkeller hin. Dafür hatte der Wirt gesorgt. Der Freund Chin, dem dieses Vereinswesen und Kunstanspruch zutiefst zuwider war, also die Idee von Auftritten und dem Geist einer Bar, der von ,Auftritten lebt war längst tot in den Trinkerherzen und so wurde die Lesung vom Barbetrieb getrennt, erst nach der Lesung durfte bestellt werden.

Die Dauergäste reagierten säuerlich. 93 war das, das war das Ende von Künstlerbar für mich. Die Zeit war um. Ich wechselte ins bürgerliche Fach.
So weiß ich nicht, ob es weiter ging mit dem Subversiven, weiß ich nicht. Fluxus im Kunstbetrieb, das war ja auch beendet. Hundertmarck vertrieb Produkte, aber es lebte nicht mehr. Das Ende von jeder Mensch ist ein Künstler lief, egal was die Kunstgeschichte sagt.

Was machten wir in der Galerie Paszti-Bott?
Ich erlebte die Wucht und Einmaligkeit des Niedergangs, als ich Al Hansen und Chris Newman in einer Zusammenarbeit ausstellte. Es war Al Hansens letzte Ausstellung, am 23. juni 1993 starb er vor der gemeinsamen Performance dort an dem Wettrinken, das die beiden sich in Chin´s Bar geliefert hatten. Von einer Bar und ihrem Personal kann man nicht mehr erwarten, als dass sie Trinker gnadenlos abfüllen und dann traurig zur Beerdigung erscheinen. So war das. Der Überlebende ging zum Arzt. Ihn könnte ich heute fragen „hey, wo gehst Du heute hin, welche Bar ist ist angesagt in Berlin?”

In der Galerie gab es dann die Suppenbar!
Die Suppen für die Suppenbar 1993 in der Galerie um die Ecke entstanden genau hier, - im heutigen Ausstellungsraum oder im Hof nebenan- der Koch Jochen Fey beaufsichtigte das Reinigen von Trippa Fiorentina, die in der Badewanne ausgewaschen wurde, in Bottichen wurde die fertige Suppe rüber in die Galerie geschleppt. War das nicht das Atelier von Jürgen Wolf hier, neben Polkes dann Brittas Atelier? . Mir bleibt die Bar als www.bar-real.de erhalten, meine website. Das steht für Wunschort, Sehnsucht für Übersetzung, Realisation. Sie kennen das, Lost in Translation. Woody Allen hat diesen Paris Film gemacht, wo die Zeiten gewechselt werden beim Weg durch die Bars. wie wir dieses Mythos wegen in Paris aufschlugen, Coupole Bar, die ist doch neben der Cinamathek oder? Die Schickeria um Bryher und HD, Frau Ellerman und Hilda Doolittle, Ezra Pound führt James Joyce ein. Syxlvia und der American Bookshop. Bin froh, dass ich in Singapur eine Bar im 7. Stock kennen lernte, richtig busy war die und seitdem weiß, daß die da in Hochhäusern ausgehen.

Dabei:am Rückblick arbeiten, das ist eine gute Beschäftigung.
Was wird denn serviert in einer guten Bar? In den Hoch-Zeiten ausschließlich Naked Lunch……. Am Anfang war der Beat-Club, das Haarlem in Gießen, das Scarabee, deshalb liebe ich Motown so. Die ersten Geister der Beatnik-Bar., in die schlüpfte ich mit Hubert Fichte. Der brachte in seinen Dichterlesungen die Musik in die Stimme und den Auftritt. Der sprach sein erstes Buch Grünspan und Palette, das war die erste Off- und Subversive Stimme in Deutschland aus einer Bar, einer Künstlerkneipe, mit Ian and the Zodiacs zur Unterstützung. Wolfgang Neuss Stimme auch, und dann die von Brinkmann , dessen Aufnahmen ich jetzt gerne höre, der den Sound und Sinn der Kneipe aufnahm - diese unheimlich, ja unheimlich, gute Beschreibung von uns Hängern im Podium. Kann ich alles im Auto hören heute, ist einfach Klasse.

Bis 78 gab es den Ziegenstall auf Sylt, Valeska Gert, eigentlich wohl eine Travestie-Bar. War ich nie drin. Habe ich mir jetzt im Heimatmuseum angeguckt. Ja, da bin ich ein Beatmuffel. Hat sich für andere ja gemischt. Für Praunheim eben. Kramen Sie in Ihrem Gedächtnis: wenn es richtig gut war, war es mit ein bisschen Vergessen oder viel Black out : es war, wie an Circes Zauberschüssel.